Werter Herr Laschet, werter Herr Lindner,

als Förderschullehrerin in Niedersachsen und mit ganzem Herzen Lehrerin für alle Schülerinnen und Schüler, die mir anvertraut sind, stehe ich aufgrund meiner pädagogischen, fachdidaktischen und methodischen Kenntnisse aus Studium und Beruf sowie aufgrund meiner bald dreißigjährigen Erfahrung als Lehrerin in Regel- und Förderschule, in reinen Förderschulklassen als auch im gemeinsamen Unterricht voll und ganz hinter dem Ziel, Schulen in Deutschland zu inklusiven Schulen zu entwickeln.

Ich habe mich fachlich seit über 10 Jahren damit auseinandergesetzt,

denn die Idee der Inklusion ist in der sonderpädagogischen Fachdiskussion in Deutschland schon länger beheimatet, als es das Datum der Ratifizierung der UN – Behindertenrechtskonvention vermuten lässt. Und das nicht ohne Grund, denn die „exklusive“ Beschulung wurde und wird nicht dadurch besser, dass man sie finanziell und personell untermauert. Sonderschüler (um das bezeichnende Wort zu gebrauchen) sind am Ende alle Schülerinnen und Schüler, denen Teilhabe an der gemeinsamen Bildung und Erziehung vorenthalten wird, aufgrund von stigmatisierender Bildungsdiagnostik. Sie werden schon früh aus dem Kreis Gleichaltriger in ihrer Wohnumgebung heraus gelöst, weil sie unterschiedlichen Schulen zugewiesen werden. Behinderung ist, wie Sie wissen, dabei  nur ein Kriterium.

Die Exklusivität der Förderschulen - ihre räumliche und sächliche Ausstattung sowie die hohe multiprofessionelle Qualität ihrer Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen - steht außer Frage. Sie dient als Vorbild für eine Notwendigkeit: Exklusiv sollten alle Schulen ausgestattet werden, damit sie ihrem Bildungsauftrag in einer Gemeinschaft der Verschiedenen gerecht werden können. Und die angestrebte Qualität von Bildung und Erziehung in Deutschland wird durch eine hohe Qualität der Arbeit in multiprofessionellen Teams und nicht nur durch einzelne Lehrer und Lehrerinnen und ihr persönlicher Engagement erkennbar. Sich für den Beruf des Lehrers, der Lehrerin zu entscheiden, ist sicher auch eine Frage des Herzens. Aber das allein reicht für die Anforderungen der Schule im 21. Jahrhundert nicht, weder  in der Förderschule noch in der Regelschule.

Fernab ideologisch sein zu wollen, stelle ich fest, dass die inklusive Schule einer demokratischen und menschenrechtsorientierten Gesellschaft gut zu Gesicht steht, dass sie zudem pädagogisch begründbar ist und Lösungen für viele aktuelle Probleme von Schule in Deutschland anbietet, u.a. auch für den wiederholt in Bildungsberichten festgestellten Zusammenhang von Herkunft und Bildungschancen. Die Schülerinnen und Schüler von heute sind die Verantwortlichen der Gesellschaft von morgen. Wie aber übernimmt man Verantwortung für Menschen und deren Bedürfnisse, wenn  die Räume in denen man sich bewegt, lernt und entwickelt, diese Gemeinschaft nicht abbilden?

Ich unterstütze daher den offenen Brief von mittendrin e.V. und das Anliegen der Eltern, die Experten auf diesem Gebiet sind, da sie die Exklusion ihrer Kinder unmittelbar und langfristig  erleben.

Mit freundlichen Grüßen,

Anke Grafe,

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