mittendrin e.V.

PRESSEMITTEILUNG , Anlage: Karikatur, Copyright Silvio Neuendorf, Abdruck frei

 

Eltern wehren sich gegen Wahlkampfhetze

Offener Brief an Armin Laschet und Christian Lindner verurteilt Anti-Inklusions-Polemik

Auch LAG Selbsthilfe schließt sich an

 

Eltern berichten von den positiven Inklusionserfahrungen ihrer Kinder

 

21 Elternvereine protestieren in einem Offenen Brief an die Spitzenkandidaten von CDU und FDP gegen die Wahlkampf-Instrumentalisierung des Themas Inklusion.  Auch der geschäftsführende Vorstand der LAG Selbsthilfe NRW hat sich der Kritik angeschlossen.

http://www.eine-schule-fuer-alle.info/inklusions-pegel/politik/nordrhein-westfalen/meldung/schluss-mit-der-wahlkampfhetze/

Die Eltern werfen Armin Laschet und Christian Lindner vor, das Thema Inklusion für ihren Wahlkampf zu instrumentalisieren und sich dabei bedenkenlos einer hinterhältigen Polemik zu bedienen. Mit Bildern wie "Inklusion mit der Brechstange", "Förderschulen werden zerschlagen" und "an die Wand gefahren" werde letztlich Stimmung gegen Kinder und Jugendliche mit Behinderung gemacht:

Beispiele:

https://goo.gl/d9YZTp
https://goo.gl/Ui3Sp3

Dem unaufhörlich beschworenen negativen Bild von der Inklusion in den Schulen setzen die Eltern jetzt ihre positiven Erfahrungen entgegen. Ihr Fazit: Inklusion an Nordrhein-Westfalens Schulen gelingt nach zwei Jahren sehr unterschiedlich. Jetzt geht es darum, die guten Erfahrungen auf immer mehr Schulen zu übertragen.

 

Hier die Erfahrungsberichte:

 

Simons Stichling-Geisel <Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!>

Unsere 12-jährige Tochter Emilia hat einen frühkindlichen Autismus und den Förderschwerpunkt geistige Entwicklung. Nach 4 Jahren Grundschule im Gemeinsamen Unterricht , besucht sie nun seit eineinhalb Jahren die Gesamtschule Kaarst-Büttgen. Unser Kind fühlt sich in dieser Schule sehr wohl und wird von Mitschülern und Lehrern als ganz normales Mitglied der Schulgemeinschaft wahrgenommen und jederzeit hilfreich unterstützt. Durch ein motiviertes und engagiertes Lehrerteam, das mit Therapeuten und Eltern in engem Kontakt steht, sehen und erleben wir kontinuierliche Fortschritte in Emilias Sozialverhalten, Sprache, Selbständigkeit und Lernerfolgen.

Innerhalb der Klasse wurden die Mitschüler von Emilias Therapeuten gezielt über das Thema Autismus aufgeklärt und verstehen dadurch Emilias Verhalten besser. In der Klasse sind 24 Schüler-innen, davon 8 mit Förderbedarf ( Lernen und ES) . Sie bilden eine gute Klassengemeinschaft, die sich untereinander akzeptiert und unterstützt. Die Klasse wird von allen Lehrern für ihr Verhalten und ihre Sozialkompetenz gelobt.

An unserer Schule wird das Schulmotto: "vielfältig wie du"  gelebt!

Fazit: Inklusion gelingt, wenn alle Beteiligten ( Lehrer, Schulleitung, Eltern, Schüler, Therapeuten und auch Stadt und Schulträger) engagiert und motiviert zusammenarbeiten und Inklusion als gemeisames Ziel verfolgen!

Mehr Geld und Personal schadet nie, aber dies gilt für alle Bereiche der Schule, nicht nur bei der Inklusion. Und auch Förderschulen arbeiten nicht ohne Geld und Personal!

Für Nachfragen stehen wir gerne zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

Simone und Rainer Geisel

 

Alexandra Erlach <Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!>

Wir haben uns vor 2 Jahren dafür entschieden, unsere Tochter, Felina, die Trisomie 21 hat, an einer inklusiven Schule in Neuss anzumelden. Wir haben uns für diesen Weg entschieden, da jedermann weiß, dass Kinder am meisten durch Imitation lernen und auch um unsere Tochter nicht von der "echten" Welt, die nicht immer rosig ist, fern zu halten.

Bis heute haben wir diese Entscheidung nicht bereut, obwohl wir schon sehr viele Kämpfe für Bewilligungen ausfechten mussten bzw. noch immer ausfechten, um auch das gemeinsame Lernen am Nachmittag in der OGS zu ermöglichen. Unser Tochter ist laut Aussage der Lehrer und Betreuer voll integriert, alle behandeln sie, wie jedes gesunde Kind und sie macht bei allen Aktivitäten so gut mit, wie sie kann. Wenn es im Unterricht dann zu schnell oder kompliziert für sie wird, bekommt sie Aufgaben, die ihrem Stand entsprechen. Sie ist dabei aber, abgesehen von Therapiestunden, immer bei und in der Klasse. Für die Mitschüler bedeutet das also keinesfalls eine Verringerung des Tempos und sie lernen zudem, mit "besonderen" Menschen ganz normal umzugehen. An Felinas sozialer Kompetenz und offener, fröhlicher Art, können sich zudem viele Andere ein Beispiel nehmen. Sie ist eine Bereicherung für die Klassengemeinschaft und immer hilfsbereit.

Wir hatten vor Einschulung Bedenken, ob Kinder nicht zu gemein sein würden oder es schwer für Felina wird, da sie eben nicht die Beste und Schnellste und Stärkste sein wird. All diese Befürchtungen waren zumindest bislang unbegründet. Felina liebt die Schule und ihre vielen Freunde dort und genauso ist es umgekehrt. Es ist alles ganz "normal". Betonen möchten wir aber auch, dass dies natürlich nur dann gelingen kann, wenn auch die Lehrer und Sonderpädagogen Inklusion verstehen, vorleben und unterstützen. Hier haben wir sehr viel Glück gehabt. Aber auch andere Kinder, die mal etwas mehr Hilfestellung benötigen, profitieren von dem Engagement der Schulbegleitungen und der Sonderpädagogen stetig.

Ich hoffe sehr, dass ich darstellen konnte, wie Inklusion funktioniert und warum alle davon profitieren.

Viele Grüße,

Alexandra Erlach

 

Michael Schmitt <Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!>

Wir sind eine Familie mit drei Kindern, zwei gesunde Töchter, 20 (Medizinstudentin) und 13 (Gymnasiastin) Jahre alt, und ein 18-jähriger Sohn mit Handicap (KB, GB), der im 11. Schuljahr inklusiv in einer Realschule beschult wird. Wir leben Inklusion seit 18 Jahren und kennen sie aus verschiedenen Perspektiven.

Aus der Sicht unseres Sohnes: Er hat sehr vom Umgang mit „normalen“ Kindern profitiert, weil sie ihm in vielen Dingen Vorbild und Ansporn waren und sind. Die Inklusion, beginnend im Kindergarten, hat ihm Zugang zur Welt der „Normalen“ verschafft. Neben dem Schulalltag hat er Kindergeburtstage und Klassenausflüge erlebt. In der weiterführenden Schule geht er in eine auf ihn zugeschnittene Lerngruppe und seine Partnerklasse, in der er verschiedene Unterrichtseinheiten besucht. Damit sind Lernfortschritte, soziale Einbindung und die Vermittlung sozialer Normen gewährleistet. Er fühlt sich angenommen, wie er ist, und nicht weggeschoben. Die Klassenkameraden kennen ihn und haben keine Berührungsängste.

Aus Sicht unserer jüngeren Tochter: Sie besuchte an der Grundschule eine Inklusionsklasse mit einer Gruppe von Kindern mit Handicap. Die Klassengemeinschaft war großartig. Als das Thema „Behinderung“ besprochen wurde, kannte keines der Kinder einen Behinderten. Die eigenen Klassenkameraden mit Handicap wurden gar nicht als „anders“ empfunden. Das Leistungsniveau der Klasse war – auch dank der guten personellen Ausstattung – sehr hoch. Das gilt auch für die übrigen Inklusionsklassen an dieser Grundschule. Daher können regelmäßig nicht alle interessierten gesunden Kinder in eine der Inklusionsklassen aufgenommen werden.

Aus unserer Sicht: Inklusion ist ein wichtiger Beitrag, Behinderte an unserer Gesellschaft teilhaben zu lassen. Alle profitieren. Wichtig ist aber, dass die Voraussetzungen dafür geschaffen werden. Der Regelschullehrer muss durch einen festangestellten Sonderpädagogen und ggf. Inklusionshelfer unterstützt werden. Die räumlichen Voraussetzungen sollten – Stichwort Barrierefreiheit – gegeben sein. Ob das in Summe „teurer“ als das alte Förderschulsystem ist, muss bezweifelt werden. Jedenfalls haben wir erlebt, dass die sonderpädagogische Betreuung auch „gesunden“ Kindern zugute kommt, die ansonsten nicht in den Genuss gekommen wären. Wir haben auch eine krasse Fehlbeurteilung erlebt. Ein Kind mit angeblichem Förderbedarf (GB) konnte nach der Grundschulzeit als Inklusionskind ohne Förderbedarf auf die weiterführende Schule wechseln. Das wäre bei einer Beschulung in einer Förderschule wahrscheinlich nicht passiert.

Fazit: Wir können der Inklusion nur Positives abgewinnen. Wir leben seit 18 Jahren einen inklusiven Familienalltag, warum soll die Gesellschaft und insbesondere die Schule das nicht schaffen?

Inklusion, ja unbedingt!

Dr. med. Monika Schmitt + Dr. jur. Michael Schmitt