21.10.2016

aus der Reihe Menschen hautnah am 20. Oktober 2016, 22.40 - 23.25 Uhr

Im Filmbericht Für dumm erklärt wird dargestellt, wie der Schüler Nenad elf Jahre lang eine Förderschule besuchte und als geistig behindert eingestuft war. Jetzt  soll der Beweis angetreten werden, dass diese Diagnose völlig falsch war. Nenad ist ein Schüler mit Fluchterfahrungen, der kein Deutsch konnte, als er eingeschult wurde und der deshalb kein Wort sprach.

Es wurde ein Gutachten in Auftrag gegeben und offensichtlich ein Intelligenztestverfahren durchgeführt, das im Ergebnis zu einem sehr niedrigen sogenannten Intelligenzquotienten (IQ) führte. Deshalb kam der Junge auf eine Förderschule und fühlte sich ständig unterfordert, ohne dass jemand die Fehlplatzierung erkannte.

Erst mit Hilfe des Kölner Elternvereins "mittendrin" wurde Nenad aus der Förderschule geholt und in einer Einrichtung der beruflichen Bildung untergebracht. Dort kommt er heute bestens zurecht.

Ein zweiter Fall wird ebenfalls berichtet: Marcel hat es vom Förderschüler zum Abiturienten geschafft.  Auch er hatte bei der Einschulung große Probleme und kam aus schwierigen sozialen Verhältnissen. Nur weil endlich ein Lehrer sein Potenzial erkannte, kam er auf eine Regelschule.

Der Verband Sonderpädagogik e.V. (vds) als einer der wichtigen Verbände der Zivilgesellschaft für inklusive Bildung und sonderpädagogische Unterstützung nimmt zu den in diesem Film dargestellten Schülerschicksalen Stellung.

Wie kann es immer wieder passieren, dass Potentiale von Kindern nicht erkannt werden und diese womöglich auch noch an Sonderschulen verwiesen werden? Und wie ist es möglich, dass Diagnosen wie Förderbedarf Geistige Entwicklung oder Lernen oder Emotionale und Soziale Entwicklung nicht regelmäßig überprüft werden?

Und leider kommen diese Fehlurteile immer wieder vor, die Schülerinnen und Schüler in ihrer Entwicklung behindern und ihre Familien in dauerhafte schlimme Lagen bringen. Deshalb gilt dem Westdeutschen Rundfunk großer Dank dafür, dass er mit seinem Film „Für dumm erklärt“ diese fehlerhaften Diagnosen und die daraus folgenden falschen Beschulungsformen thematisiert.

Kinder und Jugendliche werden aufgrund fehlender Sprachkenntnisse in der Bildungssprache Deutsch als sonderpädagogisch förderbedürftig im Förderschwerpunkt Sprache eingestuft, Schülerinnen und Schüler aus wirtschaftlich und sozial benachteiligten Verhältnissen erhalten den Förderschwerpunkt Lernen zuerkannt und zuweilen werden besonders begabte Schülerinnen und Schüler, die wegen ständiger Unterforderung im Unterricht durch eine zunehmende Verweigerungshaltung auffallen, dem Förderschwerpunkt Emotionale und Soziale Entwicklung zugeordnet. Und häufig genug muss festgestellt werden, dass eine Überprüfung auf sonderpädagogischen Förderbedarf zwangsläufig dazu führt, dass auch ein solcher festgestellt wird.

Der vds sagt deutlich: jedes Kind und jeder Jugendliche, bei dem die Potentiale und Begabungen nicht richtig erkannt und optimal unterstützt werden, ist eines zu viel! Der vds setzt sich für inklusive Bildung für alle Kinder und Jugendlichen in ganz Deutschland ein und kämpft dafür, dass alle Kinder und Jugendlichen unabhängig davon, ob sie eine Behinderung haben oder aus anderen Gründen unterstützungsbedürftig sind, die angemessene Förderung zu so viel Bildungsteilhabe wie möglich erhalten.

Anlässlich des Films „Für dumm erklärt“ weisen wir nachdrücklich darauf hin, dass alle Lehrkräfte aller Lehrämter regelhaft bei allen Kindern und Jugendlichen erstellte Diagnosen überprüfen müssen, damit keine Fehlplatzierungen entstehen und damit auch wirklich alle Potentiale und Fähigkeiten der Kinder und Jugendlichen ausgeschöpft und niemandem Bildungschancen vorenthalten werden.

Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen müssen ihre Fachlichkeit unter Beweis stellen, indem sie sich im Bereich der prozessbegleitenden Diagnostik und der qualifizierten Förderung regelmäßig weiterbilden, Kompetenzen im Bereich der Eltern- und Systemberatung erwerben und eng mit Kolleginnen und Kollegen unterschiedlicher Qualifikationen aus den allgemeinen Schulen zusammenarbeiten.

Und selbstverständlich müssen bei allen Kindern und Jugendlichen, die Sonder-/Förderschulen besuchen, einmal gestellte Diagnosen regelmäßig und hochqualifiziert überprüft werden.

Der WDR-Film illustriert eindrücklich, was geschieht, wenn Kinder und Jugendliche nicht ausreichend und angemessen gefördert werden. Der vds wird sich dafür einsetzen, dass dieser Film in Lehrerbildungsstätten zur Grundlage von Diskussionen genommen wird.

Und der vds wird weiterhin in allen Fragen der inklusiven Bildung und der sonderpädagogischen Unterstützung an allen Lernorten mit mittendrin e.V. zusammenarbeiten

 

Dr. Angela Ehlers, Bundesvorsitzende

Verband Sonderpädagogik e.V. (vds)

Ohmstraße 7, 97076 Würzburg

www.verband-sonderpaedagogik.de

 

Hier eine Zusammenstellung aller bisher erschienenen Veröffentlichungen rund um den Fall Nenad - für dumm erklärt!